Wie kann ich als Leiterin betreuenden Eltern helfen, entlastet zu werden?
Rund um die Uhr, 24 Stunden, jeden Tag, jeden Monat, Jahr für Jahr müssen wir für unsere Kinder da sein.
Eltern behinderter Kinder sind die absoluten Spezialisten, wenn es um die Betreuung der Sorgenkinder geht.
Wir sind Krankenpfleger, Krankengymnasten, Logopäden, Lehrer, Lebensretter uvm.
Intensivste, absolute Kenntnisse von der Behinderung unseres Kindes sind erforderlich und die Voraussetzung für den Lebenserhalt unserer Kinder.
Es ist nur zu verständlich, dass uns ab und zu die Kräfte ausgehen.
Die Pflegeversicherung bietet das Angebot der Verhinderungspflege an.
Eltern von behinderten Kindern können für einige Tage bzw. Wochen die Pflege abgeben.
Diese kann dann durch Fachkräfte übernommen werden.
Bei leichteren Behinderungen ist dies eher möglich als bei Schwerst-Behinderungen. Dann kämen Pflegeheime oder eine Kurzzeit-Pflege in Frage.
Jedoch, wer bedenkt dabei die Gefühlssituation des behinderten Kindes?
"In einem konkreten Fall liegt der Sohn, 35 Jahre alt, nach einem Autounfall im Koma. Er erkennt jedoch genau, welche Personen ihn ständig betreuen und auf seine Bedürfnisse eingehen. Jeder Griff, jedes Wort, der Geruch, die Stimmung – alles ist ihm vertraut, und damit geht es ihm so gut, wie es seine Situation zulässt.
Es sind dies die Eltern, manchmal auch Geschwister und ständig wiederkommende Helfer, die mit ihm zusammen das Maximale aus seinem Leben herausholen.
Was richtet es nun in diesem Sohn an, wenn er aus der gewohnten Umgebung heraus gerissen wird und für eine Kurzzeitpflege in eine Einrichtung gebracht wird oder daheim fremden Personen, die ganz bestimmt die aller besten Pfleger sein können, anvertraut wird; die jedoch nicht jede einzelne seiner Gesten und Geräusche deuten können. Der Sohn gerät in Panik und erleidet Krampfanfälle. Durch eine ganz bestimmte Handlung könnten wir Eltern diese gefährliche Situation eventl. (wahrscheinlich mit Sicherheit) leicht meistern. Dem Fremden wird die Hilfe auch höchst wahrscheinlich gelingen. Ein entsprechendes Medikament in der richtigen Dosierung rettet den Sohn.
Aber, wie fühlt sich dieser?
Können wir Eltern wirklich beruhigt und entspannt fortreisen oder gar nur unbelastet ins Kino gehen, wenn wir um all diese Gefahren wissen? Was geht durch unser Herz und Gewissen, wenn wir nach kurzen vier Stunden heimkommen und der Pfleger vergessen hat, diesen Sohn auf gewohnte Art und Weise zu sondieren. Der Sohn leidet und hat Angst, weil das Gewohnte fehlt. Und wir Eltern sind von einem entsetzlich großen, schlechten Gewissen geplagt. Wie konnten wir nur so egoistisch sein und für diese wenigen Stunden kurzer Freiheit unser Kind, ob ein Jahr oder 35, in so tiefes Leid stürzen.
Ein nächstes Fortgehen wird es für diese Eltern gemeinsam kaum oder nur ganz, ganz selten noch geben."
Dies ist eine wahre Begebenheit. Ein Vater schilderte mir diese Situation in unserem Gesprächskreis. Und ich musste mir eingestehen, ich und die anderen Teilnehmer können ihm nicht helfen. Denn wir befinden uns in ähnlichen, vielleicht nicht stets ganz so schlimmen Situationen und müssen allein einen Weg für uns finden.
Jedoch in diesem Gesprächskreis kann man sich über Erlebtes wenigsten einmal Luft machen. Wir Angehörigen halten das Gespräch aus und können möglicherweise mit irgendeiner Idee helfen.
Sehr oft werden die Eltern aus dem Fallbeispiel sicher nicht an unserem Gesprächskreis teilnehmen (vermutlich kaum noch mal). Sie haben einfach keine Zeit für sich selbst und somit auch nicht für ein paar Stunden im Gesprächskreis.
Nach diesem Erlebnis habe ich es mir zum Ziel gemacht, nach Hilfe zu suchen.
“Helfer für Hilfe” als Motto für den “Gesprächskreis für Eltern behinderter und chronisch kranker Kinder” in Sande.